Eine Zusammenfassung des Kolloquiums zur Zukunft der Klinik

 

Zukunft der Klinik: Entwicklungen – Anthroposophische Medizin – Sozialmodelle

Unter diesem Titel fand vom 10.-12.11.2017 unter Leitung von Dr. Friedrich Edelhäuser im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke ein Kolloquium statt, das sich vornehmlich an Jungmediziner sowie an aktuelle und ehemalige Studenten des Integrierten Begleitstudiums Anthroposophische Medizin (IBAM) an der Universität Witten/Herdecke richtete.

 

Wie steht es aktuell um stationäre und speziell
Anthroposophische Medizin?

Während die ambulante Medizin sich aktuell vermehrt dem Lebensumfeld des Patienten zuwendet und durch Versorgungspraxis, Gesetzgebung und veränderte Inhalte des Medizinstudiums gestärkt wird, hat sich die klinische Medizin in den letzten Jahren zunehmend auf Intensivmedizin, auf spezialisierte, technisierte Diagnostik und technisch unterstützte Eingriffe fokussiert.

Die Anthroposophische Medizin wird in dieser Entwicklung zunehmend in den ambulanten Bereich, in Spezialangebote und in die Rehamedizin gedrängt. Das frühere Ideal der „Gemeinschaftskrankenhäuser“ mit bedarfsorientierter Bezahlung und horizontal ausgerichteten Organisationsprozessen ist in der Alltagsrealität hinter den ursprünglichen Zielen zurückgeblieben.

 

Entwicklung der Klinik: Blick in die Zukunft

Zunächst richteten die Teilnehmer des Kolloquiums den Blick in die Zukunft, denn nur, wer Entwicklungen antizipieren kann, wird handlungsfähig und kann sinnvoll gestaltend eingreifen.

Erwartet wird eine zunehmende Standardisierung im Sinne vorgegebener Behandlungspfade, verbunden mit Rentabilität, Zersplitterung, Vereinzelung – Arbeit im „Autopilot-Modus“, wie es eine Studentin treffend charakterisierte. Die Tendenz zu spezialisierten Angeboten als auch die Arbeitsdichte wird (noch) weiter steigen, in Herdecke beispielhaft an der Geburtshilfe zu erleben: binnen weniger Jahre stieg die Zahl der Geburten von 800 auf 1.500 bei gleichbleibender personeller Besetzung. Zunehmen wird ferner die Konzentration auf wenige, dafür größere Häuser, die Zahl zivilisationsbedingter chronischer Erkrankungen (z.B. Diabetes), die Multimorbidität (Altersmedizin / demografischer Wandel), die Trennung von somatischer und psychosomatischer Medizin und multikulturelle Anforderungen. Nicht zu vergessen die Weiterentwicklung der Digitalisierung z.B. in Form der automatisierten Auswertung Bild gebender Verfahren oder IT-unterstützter Diagnoseverfahren etwa in Notaufnahmen.

Als Reaktion auf die Standardisierung könnte die Angst erwachsen, Normen/Standards nicht erfüllen zu können; konträr zum ent-individualisierten Vorgehen aber auch das Bedürfnis nach Authentizität entstehen und sich die Sinnfrage stellen. Flache Hierarchien,Teambildung und freie Verabredungen gewinnen an Bedeutung, ebenso der individuelle Schulungsweg.
Auf Patientenseite könnte (u.a.) komplementär der Wunsch nach einer menschlichen Medizin, einem individuellen, am Menschen orientierten Ansatz, nach Stärkung von Ressourcen, nach Wertschätzung des Gesprächs als Kern der Begegnung zwischen Patient und therapeutischem Team, nach Methodenvielfalt und Therapiefreiheit unabhängig vom Krankenversicherungsstatus wachsen sowie die Forderung nach Einbeziehung des Patienten (z.B. Patientenbeirat).

 

Visionen und mögliche zukünftige Ansatzpunkte für Anthroposophische Medizin

Die Medizin der Zukunft ist mit den Patienten zusammen zu gestalten, z.B. in Form individueller Behandlungsverträge (vgl. die jüngst vorgenommene Änderung des hippokratischen Eides im Sinne einer stärkeren Berücksichtigung der Autonomie des Patienten).

Gestaltungsspielräume bestehen in der Behandlung chronischer Krankheiten (Prävention, Verankerung von Salutogenese, Ernährungsmedizin, Anleitung zum Selbstmanagement), bei Multimorbidität (Reha-Bereich), bei chronischen (z.B. Rücken-) Schmerzen, bei Schlafstörungen und m. E. nicht zuletzt bei Schwellenübergängen, Geburt und Tod.

Ernährung wie Gemeinschaftsbildung könnte durch Patientenküche und gemeinsames Essen Rechnung getragen werden. Die Bereiche Präventiv-, Akutmedizin- Nachsorge/Reha sind enger zu verzahnen. Patienten könnten über das Krankenhaus hinaus unterstützt, Krisen in den Situationen, wo sie entstehen, gemeistert werden. Die Vernetzung mit Ambulanzen, Therapeutika, Palliativdiensten sollte gefördert werden. Auch der Bereich der Intensivmedizin wäre neu zu greifen etwa durch rhythmische Gestaltung ( Tag-/Nachtrhythmus), durch Rhythmische Massage und Lavendel-Einreibungen, Reduzierung der Bahnhofshallenatmosphäre (laut, hektisch) etwa durch Vermeiden des Piepens leer gelaufener Ernährungspumpen. Konzepte für die Behandlung von Schlaganfällen und Herzinfarkten könnten entwickelt werden.

 

Der größte Ansatzpunkt liegt in der sozialen Gestaltung

Heute, im Zeitalter der Bewusstseinsseele, ist das „setting“ bereitet, während die Gestaltung aus eigener Freiheit und in Vielfalt erfolgen muss durch Absprachen in freier Verabredung. Wie ist es möglich, dass „der Einzelseele Kraft“ sich in der Gruppe einbringen kann, sodass der Einzelne sich getragen fühlt und ein Bewusstsein für das große Ganze entwickelt, Wärme und Begeisterung erlebt? Auf diese Kernfrage konzentrierten sich letztlich alle Überlegungen. Faktoren, die im Stationsalltag Stress verursachen, sollten angeguckt und besprochen werden (u.a. Fehlerkultur), aber auch, was gut läuft und Visionen gepflegt, sonst brechen an unerwarteten Stellen Erwartungen und Enttäuschungen durch. Hilfreich wären kleine Rituale, die einen aufmerksameren Umgang miteinander bewirken, z.B. eine Morgenrunde, ev. mit Lesen des Wochenspruchs, gemeinsam gestaltete Pausen, ebenso Rückzugsräume (s. z.B. Lahnhöhe:“Stille“-Tisch in der Mensa), einmal monatlich Eurythmie für Abteilungen u.a.m. – Lässt sich der Kontext selbst nicht ändern, bleibt immer noch, die eigene innere Haltung am Kontext zu schulen (vgl. Viktor Frankl „Trotzdem Ja zum Leben sagen“).

Neu zu entwickelnde Arbeitsmodelle, z.B. Stellenteilung durch Rotation, könnten der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie der Selbstfürsorge und „work-life-balance“ Rechnung tragen.

Strukturell sind partizipative Führungskonzepte wünschenswert, das Fällen von Entscheidungen dort, wo sie umgesetzt werden sowie eine übergeordnete Vergütung (wie bekommt man die hin?).

Auch im ökonomischen Bereich kann mit neuen Ideen gegengesteuert werden, die Frage der Trägerschaft ist neu zu denken. Die Besitzform könnte genossenschaftlich sein und im Vorwege von Patienten durch Genossenschaftsscheine mitfinanziert werden. Mitzudenken wäre auch das Umfeld der Klinik; Klimik, Schule (Nachmittagsbetreuung) und Kindergarten (auf dem Gelände) müssten zusammenwirken.

 

Beispiele gelungener Ansätze in der Praxis

Wie kann im Sinne der Selbstfürsorge ein äußerer Rahmen gebildet werden, der innere Räume eröffnet? Eine Möglichkeit stellt eine begleitende wissenschaftliche Arbeit im Wechsel mit einer 50%-Stelle im Krankenhaus dar. Dieses Modell ermöglichte einer Nervenärztin, Menschen, die sie im Krankenhaus in einer Krise kennengelernt hatte, danach noch weiter ambulant zu behandeln.

Eine integrative, sektorenübergreifend (ambulant/stationär) arbeitende Psychatrie in Hamm wurde als Beispiel für Patienten wie Mitarbeiter gerechte Strukturen vorgestellt.

Vertreterinnen der Gynäkologie in Herdecke berichteten von einem gemeinsam für ihre Abteilungen entwickeltem Ausbildungskonzept und vom Bemühen um eine partizipative Führungsstruktur, bei der die Verantwortung von allen getragen wird. Teambildungsprozesse benötigen Kommunikation und Zeit, das System muss durch gemeinsam entwickelte Bilder und verbindliche Ziele als Team gefüllt und innerlich ergriffen werden. Auch regelmäßige Notfallübungen dienten der Teambildung.

 

Knappes persönliches Fazit

Als Hamburgerin, fachfremd und im Renteneintrittsalter fiel ich rein äußerlich aus dem Adressatenkreis heraus; umso bereichernder war das Kennenlernen der Perspektive klinisch Tätiger.

Durch die Fähigkeit der Teilnehmer, einander aktiv zuzuhören, öffnete sich ein Raum für echte Begegnung, in den jeder das für ihn Wesentliche hineintragen und sich aufrichtig aussprechen konnte. Das allein schon war die Reise wert und zukunftsträchtig. Denn Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheit liegen vor allem im Sozialen; es ist von essentieller Bedeutung, dieses zu pflegen, dafür wach zu sein und die Fähigkeit des Hinhörens zu üben, damit Vielfalt und Neues entstehen.

 

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