Rückblick auf den Vortrag zur Altersmedizin

Altersmedizin – Aufgaben für die Zukunft.
Herausforderung und Türöffner für einen medizinischen Wandel

Vortrag von Dr. med. Jens Kramm am 17. Mai 2017 in Hamburg

Am 17. Mai, 19 Uhr, fand in der GLS-Bank in Hamburg der Vortrag Altersmedizin – Aufgaben für die Zukunft. Herausforderung und Türöffner für einen medizinischen Wandel statt.

Referent war Dr. med. Jens Kramm, Facharzt für Innere Medizin, Palliativmedizin, Homöopathie und Anthroposophische Medizin (GAÄD) und Oberarzt in der Klinik für Akutgeriatrie und Frührehabilitation am Asklepios Westklinikum Hamburg.

Der gemeinnützige Verein Freundeskreis Erweiterte Heilkunst e.V., der sich für eine menschliche, ganzheitlich erweiterte, insbesondere Anthroposophische Medizin im Krankenhaus einsetzt, hat diesen Vortrag veranstaltet. Der Einladung gefolgt waren Alten- wie Krankenpfleger, Ärzte und Senioren. Das Publikum war bunt gemischt. Im Anschluss an den etwa einstündigen Vortrag gab es Gelegenheit für Austausch und Gespräch.

 

dr-jens-kramm-vortrag

 

Was ist Altersmedizin? Inwiefern liegt darin eine Aufforderung zum Wandel versteckt?

Der demographische Wandel stellt für die Medizin wie für die gesamte Gesellschaft eine große Herausforderung dar. Bereits jetzt sind 650.000 Frauen und Männer älter als 90 Jahre, bis zum Jahr 2060 wird sich ihr Anteil auf 3,3 Millionen verfünffachen. In den vergangenen Jahren sind daher an vielen Krankenhäusern Zentren für Altersmedizin (Geriatrien) entstanden.

Dr. Kramm hinterfragte zunächst den Ansatz, medizinisches Fachwissen problemlos auf alte Patienten zu übertragen und bei steigender Anzahl der Diagnosen nur die Liste der Medikamente zu verlängern. Während in den medizinischen Einzeldisziplinen der Trend zunehmender Spezialisierung vorherrsche, werde polar dazu für die Altersmedizin (Geriatrie) vom Gesetzgeber ein ganzheitlicher Ansatz verlangt, insofern als neben körperlichen auch geistige und soziale Phänomene einzubeziehen seien.

Geriatrie umfasst darüber hinaus gleichermaßen die Bereiche Akutmedizin, Behandlung chronischer Krankheiten, Prävention und Rehabilitation. Anders als in den einzelnen medizinischen Fachdisziplinen löse sich die geriatrische Medizin zunehmend von der Fokussierung auf einzelne Krankheiten und Organdefizite und schaue vielmehr auf das komplexe Bild der Gesamtsymptomatik. Für den Geriater gehe es z.B. nicht um eine einzelne Herz- oder Stoffwechselerkrankung, sondern um einen Symptomkomplex, z.B. Sturzgefahr oder geistige Einschränkungen. In der Teambesprechung mit allen Berufsgruppen der Station werde gemeinsam ein Therapiekonzept entwickelt mit dem Ziel, die Lebensqualität des alten Menschen zu verbessern.

Altersmedizin bietet sich somit an für einen integrativ-erweiterten Ansatz und könnte Türöffner sein für einen medizinischen Wandel, lautete die überzeugende Schlussfolgerung.

Am Erscheinen im Alter erwachen

Im zweiten Teil ging Dr. Kramm der Frage nach, was sich aus Phänomenen des Alters ableiten lasse für die Gesellschaft sowie für den einzelnen Menschen. Während beim kleinen Kind der Geist am Leib arbeitet und das Kind gehen, sprechen und denken lernt, sofern die Gemeinschaft als Vorbild im Umfeld fungiert, kehrt sich das Verhältnis im Alter um. Gang, Stimme, Gedanken sind inzwischen individuell geprägt. Der Geist, die Altersweisheit, strahlt nun befruchtend aus ins Umfeld und das Umfeld, die Familie oder die therapeutische Gemeinschaft, arbeitet jetzt am kranken Leib des gebrechlich gewordenen alten Menschen, dessen Fähigkeiten zu gehen, zu sprechen oder zu denken eingeschränkt sind.

An den Erscheinungen des Alters können wir für grundlegende Fragen des Menschseins erwachen. Wir können uns die Sinnfrage stellen: Was will ich individuell im Alter in mein Umfeld befruchtend einbringen und wie kultiviere ich das? Aber auch: Wie lege ich an, dass mein Leib am Ende Gemeinschaft braucht? Erwachen wir so am Erscheinen im Alter, umfasst der Türöffner weit mehr als eine „altersgemäße“ Umstrukturierung der Medizin. Das abschließend rezitierte Gedicht „Wer bin ich?“ von Christian Morgenstern rundete die Ausführungen ab und veranschaulichte künstlerisch gestaltet Sinnfrage und Wandlungsgedanken.

 

gls-bank-hamburg

zurück